Der Brunsbütteler Elbschiffer Otto Schlichting

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Diese Seite entstand unter maßgeblicher Beteiligung von Klaus Schlichting, einem Enkel des Elbschiffers.

Hier hett Otto leevt …

Desweiteren herzlichen Dank
an Ute Hansen vom Stadtarchiv für Akten aus dem Gewerberegister
an Uwe Borchers, Bernd Schmidt, Jürgen Dohrn, Klaus Herrmann für Daten, Fotos und sonstige Unterstützung.

Textquelle: Klaus Schlichting

Wer war Otto Schlichting

Heimathafen, im Hintergrund Der Krabbenschuppen in Brunsbüttel

Otto Schlichting (eigentlich Otto Paul Heinrich Schlichting) galt als der letzte Elbschiffer Brunsbüttels. Geboren wurde er am 18.11.1908 in Brunsbüttelhafen.
Nach dem Schulbesuch in der Schulstraße 38 (heute Galerie Rusch) und der Konfirmation 1923 erlernte er auf mehreren Frachtewern das „Seemannshandwerk“. Danach absolvierte er von 1925 bis 1928 eine Lehre als Segelmacher bei Adolf Schlesiger in der Schoofstraße 2 (Läden_im_Koog-Schoof-_und_Festgestraße#Adolf_Schlesiger).

Nach 2 Jahren Seefahrt und einer kurzen Gesellenzeit als Segelmacher in seinem alten Lehrbetrieb besuchte er in Büttel die Seefahrtsschule für Küstenschiffer.

1933 fasste er schließlich den Entschluß, sich selbständig zu machen. Er ließ sich für 4 000 RM (Reichsmark) auf der Schiffswerft Hattecke in Freiburg an der Unterelbe einen Passagierkutter bauen.
Mit diesem ersten Schiff, „Martha“ (nach dem Namen seiner Frau), war er im Waren- so wie auch im Personenverkehr tätig. Dieser wurde möglich, da Brunsbüttel und Brunsbüttelkoog eine Aufbruchszeit in Sachen Fremdenverkehr erlebten (Brunsbüttelkoog#Tourismus_in_Brunsb.C3.BCttelkoog).
Durch die damalige, nationalsozialistische Reiseorganisation „KdF“ (Kraft durch Freude) hatten Beherbergungsbetriebe wie „Hotel zur Kanalmündung“, „Hotel Zur Post“, „Zur Traube“, „Hotel Kaiserhof“ (Läden_im_Koog-Koogstraße_64-67#Hotel_.E2.80.9EKaiserhof.E2.80.9C), „Hotel Hamburger Hof“ und das „Bahnhofshotel“ (Läden_im_Koog-Fährstraße_bis_8#Bahnhofshotel) regen Zuspruch.

Das wirkte sich auch auf den Schiffahrtsbetrieb Otto Schlichtings aus. Es wurden von ihm täglich Elbrundfahrten und Fahrten in die vorgelagerten Wattengebiete und – ganz besonders – zu den Seehundsbänken organisiert.

Passagierkutter „Martha“

Dieser "Tempo" hat Ähnlichkeit mit einem Goliath

1939 wurde das Schiff verkauft, umgebaut und diente fortan als Fischereifahrzeug (BRU 15) der Volksernährung.
Noch während des 2. Weltkrieges kaufte Otto Schlichting sich einen Frachtewer, eine holländische Tjalk, mit einer Tragfähigkeit von 40 Tonnen und nannte ihn „Peter“. Mit diesem Fahrzeug war er überwiegend im Auftrag der Deich- und Sielverbände im gesamten Gebiet der Unterelbe für Unterhaltung der Uferbefestigungen tätig.
Dank des geringen Tiefgangs von 1,50m konnte die Schiffsladung, die hauptsächlich aus Steinen, Faschinen und Stackpfählen bestand, direkt am schadhaften Ufer gelöscht werden.

Lagen keine Aufträge seitens der KdF oder der Deich- und Sielverbände vor, wurde Obst aus dem Alten Land aufgekauft und in Brunsbüttel wieder veräußert.
Irgendwann gehörte auch ein Auto zum Unternehmen. Laut Aussagen des Enkels soll es sich um einen „Goliath“ mit drei Rädern gehandelt haben (siehe Foto). Die Ehefrau transportierte damit Waren zu den Kunden.

Die Ewer „Peter“ und „Heinrich“

Walter Herrmann und Matrose-1948-Helgoland

Kriegs- und Nachkriegszeit

Am 27. August 1940 mußte Otto Schlichting seinen Wehrdienst antreten, wurde dann aber von 1940 bis 1942 zum Arbeitseinsatz beurlaubt.
Während des 2. Weltkriegs war er als Mitglied der Feuerschutzpolizei tätig, u.a. bei der Brandbekämpfung nach den Bombardierungen Hamburgs und der Hemmingstedter Raffinerie. Er wurde als Fahrer eines Löschfahrzeuges so wie auch eines Krankenwagens eingesetzt.

Nach dem 2. Weltkrieg brachen auch für die Familie Schlichting karge Zeiten an.
In dieser Zeit nahmen Studenten Kontakt mit ihm auf, die von ihm aus den kleinen Häfen der Elb-Nebenflüsse abgeholt und nach Helgoland gefahren werden wollten. Irgendwo im Wattengebiet der Elbe vor Cuxhaven übernahm der Fischer Walter Herrmann die „lebende Fracht“ (Die_Brunsbütteler_Fischerei#Walter_Herrmann).
Auf Helgoland angekommen, hissten diese Studenten dann die deutsche Flagge, um den britischen Besatzern die Bombardierungen zu erschweren und sich auf diese Weise für die Befreiung der Insel einzusetzen.

Im Jahr 1949 erwies sich das Schiff „Peter“ als zu klein und es wurde der 80t-Ewer „Heinrich“ gekauft. Dieses Schiff gehörte ursprünglich zu einer Flotte kleiner Frachttschiffe, die bis ins 20. Jahrhundert den Warenstrom zwischen Hamburg und der Elbmarsch sicherte.
Die Linienschifffahrt wurde aufgegeben.
Die künftigen Arbeitseinsätze efolgten nun als Subunternehmer für Firmen wie Robert Looft aus Wilster, Johannes Kruse (Läden_im_Koog-Fährstraße_9-146#Bauunternehmen_Johannes_Kruse) und Kurt Deising aus Brunsbüttel oder Bergfleth & Rühmann aus Gribbohm. Otto Schlichting transportierte ab jetzt hauptsächlich Wasserbaustoffe wie Schüttsteine, Schotter oder Kupferschlackensteine. Das Einsatzgebiet erstreckte sich über die gesamte Unterelbe und ihren Nebenflüssen bis einschließlich des Hamburger Hafens. Auch bei der Verbreiterung des Kanals im Zuge des Sicherungsprogrammes der Wasser- und Schifffahrtsverwaltung ab 1966 wurde seine Mithilfe benötigt.

Die Kanalverbreiterung

Das Leben an Bord

Die Besatzung der „Heinrich“ bestand aus dem Kapitän Otto Schlichting und seiner Frau Martha in einer Doppelfunktion als Matrose (heute würde man „Decksfrau“ sagen) und Smutje (Schiffskoch).
Die technische Ausrüstung des Schiffes entsprach natürlich noch nicht dem heutigen Standard. Funkgerät und Kompaß mußten durch entsprechende Navigationskenntnisse, gute Augen, gute Ohren und Erfahrung ersetzt werden.
Als sanitäre Einrichtung diente der gute alte Nachttopf, dessen Inhalt dann über Bord ging.
Die Mahlzeiten wurden mit einem 2-flammigen Gaskocher zubereitet.
Unterhalb des Ruderhauses befand sich eine bescheidene Kajüte mit zwei Kojen. Die weitere Einrichtung bestand aus einem Tisch und zwei Stühlen.

Die Schiffsverlängerung 1967

Auf der Eimers-Werft in Wischhafen wurde „Heinrich“ verlängert auf eine Tragfähigkeit von 120 BRT. Diese Werftzeit zog sich über mehrere Monate hin, so daß Otto Schlichting 1967 das Gewerbe für kurze Zeit abmeldete.

Das Beladen des Schiffes erfolgte direkt per LKW's oder über Schütteinrichtungen mit Transportbändern. Das Entladen (Löschen) des Schiffes bedingte einen hohen Personaleinsatz der beteiligten Firmen. Dazu beluden die Arbeiter im Laderaum per Hand einen dreiseitig geschlossenen Schüttkübel, der mit Hilfe eines Ladebaums und einer Motorwinde seitlich über Bord geschwenkt und mittels Flaschenzug entleert wurde.
Der Laderaum des Schiffes ließ sich von Steuerbord- und Backbordseite aus mit einzelnen Holzdeckeln, die anschließend mit einer Persenning überzogen wurden, wasserdicht verschließen. Die Persenning musste abschließend mit Stahlleisten und hölzernen, sogenannten Schalkkeilen, die hinter Knaggen, welche sich an der äußeren Laderaumkante befanden, gesichert wurden. Es war ein mühseliger und arbeitsintensiver Prozess.

Das Ende der „Schlichting-Schifffahrt“

Der Gesundheitszustand seiner Ehefrau Martha verschlechterte sich im Laufe der Zeit zusehends, so daß sie den Borddienst aufgeben mußte. Das dadurch bedingte Anheuern eines Decksmannes brachte zusätzliche Kosten mit sich, die dem kleinen Unternehmen schwer zu schaffen machten. In den nächsten Jahren erhielt Otto Schlichting immer weniger – ab 1972 schließlich gar keine - Aufträge mehr, so daß er zur Aufgabe seines Unternehmens gezwungen war.
Am 18.07.1972 meldete er offiziell seinen Schifffahrtsbetrieb ab.

Der Ewer „Heinrich“ wurde in eine Hamburger Abwrackwerft überführt und verschrottet. Erinnerungsstücke wie Steuerrad, Positions-, Topp- und Ankerlaternen, Kompaß, Schiffsschraube und Anker wurden von ihm „gerettet“ und traditionsgemäß Haus und Garten damit dekoriert.
Ein kleines Trostpflaster war eine staatliche Abwrackprämie, die einer allgemeinen Flottenreduzierung und -modernisierung diente.

Bis zu seinem Ruhestand fand Otto Schlichting auf den „grünen“ Elbfähren „Niedersachsen“ und „Schleswig Holstein“ (Fährbetrieb von 1969 – 1981) eine Anstellung als Decksmann.

Am 05.02.1990 starb Otto Schlichting in seiner Heimatstadt Brunsbüttel.

Akten, Werbung

Leinwand-Werbung Metropol

In den 1960er- und 1970er Jahren war es Firmen noch möglich, im Brunsbütteler Kino „Metropol“ Werbung auf der Leinwand zu zeigen. Diese wurde vor Beginn des Hauptfilms (oder zwischen Vor- und Hauptfilm) auf die Leinwand projiziert. Meistens waren dies Standbilder, es gab aber auch kurze Werbefilme.
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